The Bowery in two inadequate descriptive systems

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© Sammlung Generali Foundation - Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg, Foto: Werner Kaligofsky

Martha Rosler

The Bowery in two inadequate descriptive systems, 1974/75

Fotoinstallation 45 Schwarz-weiß-Fotografien, Barytpapier (Abzüge 1999), 21 Abbildungen und 24 fotografierte Schreibmaschinentexte, großteils paarweise kaschiert auf 24 schwarze Kartons, à 20,2 x 25,3 cm, gerahmt in 24 Rahmen à 26,8 x 57,3 cm Auflage 4/5 + A. P.

GF0002055.00.0-1999

Werktext

Martha Rosler wird international als eine der politischsten künstlerischen Stimmen wahrgenommen. Ihre Aufmerksamkeit gilt aber nicht nur den Themen des politischen Engagements, sondern auch der Kritik selbst, das heißt den Mechanismen und Ideologien, die bewusst oder unbewusst gesellschaftskritischen Haltungen zugrunde liegen. Die Foto-Text-Installation The Bowery in two inadequate descriptive systems ist in dieser Hinsicht eine Ikone: Am Beispiel ihrer Auseinandersetzung mit der Bowery in New York hinterfragt Rosler hier die Konventionen der sozialkritischen Dokumentarfotografie. The Bowery ist eine im Süden von Manhattan, New York, gelegene, legendäre Straße mit einer wechselvollen Geschichte. Einst eine Prachtstraße mit Modegeschäften und Theatern wurde sie im 20. Jahrhundert zu einem Fluchtpunkt sogenannter Verlierer und Outsider. In den 1960er- und 1970er-Jahren war die Bowery immer wieder Gegenstand sozialdokumentarischer Filme und Fotografien, die nach der düsteren Seite des Kapitalismus und der Großstadt fragten. Es entstanden Porträts, der an diesem Ort lebenden Menschen, die zu Opfern der Gesellschaft, zu tragischen Helden stilisiert wurden – Porträts zwischen moralischer Empörung und Voyeurismus. Roslers um die Mitte der 1970er-Jahre entstandene Arbeit ist, wie sie formuliert, ein „Akt der Verweigerung“ und ein „Akt der Kritik“ gegenüber der Dokumentarfotografie. In einer Serie von Fotopaaren – bestehend aus Schwarz-Weiß-Fotos und fotografierten Schreibmaschinentexten – stellt sie einen Dialog her. Zu sehen sind leere Alkoholflaschen und andere Spuren Obdachloser vor geschlossenen Geschäftsfassaden; die Menschen selbst sind abwesend, gerade dadurch aber umso präsenter. In den Fotos zitiert Rosler bewusst den Stil des sozialkritischen Realismus, zeigt aber keine Opfer oder tragischen Helden. Die Texte – gedichtartige Wortkaskaden – sind ebenso Zitate. Rosler versammelt die zahllosen existierenden Begriffe für den Alkoholrausch und führt sie zu einem Narrativ zusammen: einer „Poesie der Betrunkenheit“, die von der Berauschung und Betäubung bis zur Sucht und Selbstzerstörung führt. Aus Roslers Sicht sind letztlich beide beschreibenden Systeme – die Fotografie und die Sprache – unzureichend, um mit der Realität umzugehen. (Jürgen Tabor)

Leihgeschichte
2021 Wien, AT, Leopold Museum 2008 Prag, CZ, Langhans Galerie 2005 München, DE, Haus der Kunst 2005 Rotterdam, NL, Nederlands fotomuseum 2005 Zagreb, CRO, Galerija Klovicevi Dvori