Genealogie des Ungreifbaren
Franz West
Genealogie des Ungreifbaren, 1997
Installation, Vitrine für 5 "Passstücke", (GF0000070.00.0-1991, GF0000112.00.0-1994, GF0000111.00.0-1994, GF0000106.00.0-1994, GF0000105.00.0-1994), Pressspanplatte, Metallträger, weiß lackiert, Plexiglas, 215 x 405 x 100 cm
GF0001862.00.0-1997
Werktext
Franz West wurde 1947 in Wien, Österreich, geboren. Von 1977 bis 1982 studierte er an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Bruno Gironcoli. Er pflegte enge Kontakte zu Schriftstellern und Musikern, die zusammen mit der Wiener Schule der Psychoanalyse in der Tradition von Sigmund Freud und der Philosophie Ludwig Wittgensteins für ihn prägend waren. Mitte der 1970er-Jahre hinterfragte und erweiterte West den Begriff der Skulptur und entwickelte seine Passstücke – aus Alltagsgegenständen mit Draht, Papiermaché, Gipsbinden und Polyester geformte Plastiken, die keine genaue Funktion haben. Der Künstler sah sie als Gebrauchsgegenstände, die man anfassen und am Körper anlegen konnte, und nannte sie „sichtbar gemachte Neurosen“ und „körpererweiternde Prothesen“. Zur Kunst wurden sie erst durch die Interaktion. Anlässlich der Ausstellung postproduktion, die 1997 in der Generali Foundation in Wien gezeigt wurde, entwickelte Franz West zum Schutz der Gruppe von Passstücken der Sammlung Generali Foundation eine Vitrine als museale Präsentationsform. Sie ist an der Vorderseite wie ein Schaufenster geschlossen, wodurch der ursprüngliche künstlerische Zweck – das Hantieren mit den Werken – unmöglich gemacht wird. Genealogie ist ein Bereich der historischen Hilfswissenschaften. Genealog:innen oder Familienforscher:innen beschäftigen sich mit menschlichen Beziehungen und deren Darstellung. In Anlehnung daran, stellt Franz West unter dem Titel Genealogie des Ungreifbaren mögliche Beziehungen zwischen seinen Passstücken dar. Ende der 1980er-Jahre filmte Franz West Personen aus seinem Familien- und Freundeskreis beim Hantieren mit seinen Passstücken, begleitet von klassischer Musik. „Es sollte eigentlich eine Darstellung von Neurosen sein. Ich behaupte, dass es so aussehen würde, wenn man Neurosen sehen könnte“1, so der Künstler. Die Achtmillimeter-Filme wurden auf die Wand projiziert und mit Video gefilmt. Verfremdungseffekte oder Bildstörungen wurden in Kauf genommen. Ursprünglich diente die Musik als Inspiration für die Akteur:innen und deren Interaktion mit den Passstücken. Später entschied sich der Künstler, die Videofilme ohne Ton zu zeigen. Er isolierte die Bewegungsabläufe von Illustrationen der Musik zu stummen akrobatischen Gesten und steigerte dadurch ihren optischen Effekt. Auf diese Art wirken die Bewegungsabläufe höchst experimentell und – entgegen jeglicher Choreografie – rein zufällig. Damit entsprechen sie den rauen Oberflächen der Passstücke, die Spuren ihrer Herstellung zeigen und jedem Perfektionismus zuwiderlaufen. (Doris Leutgeb) 1 Franz West, „Franz West“, in: Occupying Space. Sammlung Generali Foundation Collection, Hg. Sabine Breitwieser, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 2003, S. 560.