Ernst Caramelle
Denkfiguren
Kurator: Jürgen Tabor, Sammlung Generali Foundation
Ausstellungsort: Museum der Moderne Salzburg, Rupertinum, Generali Foundation Studienzentrum
Ernst Caramelle (*1952) zählt zu den international bedeutendsten Positionen der österreichischen Konzeptkunst. Seit den 1970er-Jahren arbeitet er zwischen Europa und den USA und untersucht das Verhältnis von Realität und Illusion, Bild und Raum. Mit analytischer Präzision und feinem Humor fragt sein Werk danach, wie Kunst definiert wird, wo sie stattfindet und wie wir sie wahrnehmen.
Die Studienausstellung Denkfiguren richtet den Blick auf zwei zentrale Werkgruppen von Ernst Caramelle: auf seine Künstlerbücher, Plakate und Einladungskarten aus den Jahren 1974 bis 2025 sowie auf seine frühe Fotoserie Video-Landschaften von 1974.
Für Ernst Caramelle sind Künstlerbücher, Plakate und Einladungskarten keine bloßen Begleitmedien oder dokumentarischen Nebenprodukte. Er versteht sie als autonome Werke: als mobile Räume der Kunst, als Träger und Vermittler von Ideen und Fragestellungen, in denen sich die Beziehungen zwischen Kunstwerk, Institution und Publikum immer wieder neu verschieben. Bereits in frühen Arbeiten erscheinen seine künstlerischen Überlegungen in Kombinationen von Texten, Zeichnungen und fotografischen Bildern, die Denkbewegungen sichtbar machen. Über die Jahrzehnte entwickelt Caramelle daraus ein eigenes Vokabular wiederkehrender Formen und Methoden – die titelgebenden „Denkfiguren“ der Ausstellung: Spiegelung und Doppelung, Positiv und Negativ, die charakteristische Zickzackform, Gesichter aus nur zwei Punkten und einer Linie. Wiederkehrende Alter Egos wie Tel, das Seepferdchen oder die Figur Josef Troma verleihen diesem konzeptuellen Vokabular eine spielerische, oft hintergründig komische Note.
Die Sammlung Generali Foundation hat diesem Bereich in Caramelles Schaffen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Heute umfasst sie mehr als 130 Künstlerbücher, Plakate, Einladungskarten und Medieninterventionen des Künstlers. 70 Arbeiten daraus werden in der kompakten Studienausstellung präsentiert. Ausgewählte Künstlerbücher liegen zudem als Leseexemplare bereit.
Die Fotoserie Video-Landschaften (1974), die aus demselben Jahr stammt wie Caramelles erste Künstlerbücher, bildet in der Ausstellung einen Resonanzraum zu seinen Drucksachen. Sie entstand während eines einjährigen USA-Aufenthalts, der Caramelle unter anderem an das Center for Advanced Visual Studies am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge führte, in ein experimentelles Umfeld zwischen Kunst und Technologie. Die Fotoserie dokumentiert Experimente mit dem damals noch jungen Medium Video. Fernsehmonitore werden in unterschiedliche Konstellationen von Körper, Raum und Medium gebracht. Sie zeigen jeweils exakt das Bild, das sie im realen Raum verdecken, und wirken dadurch wie Fensterscheiben. So entsteht eine optische Illusion, die die Grenzen zwischen Realität und Medialität, Wahrnehmung und Täuschung verschiebt. Die Video-Landschaften formulieren Fragen, die Caramelles Werk bis heute prägen und sich in seinen Büchern, Plakaten und Karten widerspiegeln: Was sehen wir? Wo beginnen und wo enden Realität und Illusion, Bild und Raum?
Biografie
Ernst Caramelle wurde 1952 in Hall in Tirol geboren und wuchs in Brixen im Thale auf. Nach einer Ausbildung an der Glasfachschule Kramsach studierte er von 1970 bis 1976 an der damaligen Hochschule für angewandte Kunst in Wien. 1974/75 hielt er sich zu Forschungszwecken in den USA auf; im Umfeld des Center for Advanced Visual Studies am MIT in Cambridge entstanden frühe Medienarbeiten wie „Video-Landschaften“ und „Video-Ping-Pong“. 1979 gründete Caramelle ein Atelier in New York und veröffentlichte das Künstlerbuch „Forty Found Fakes“; in dieser Zeit entstanden auch die ersten Faces, Gesichter aus zwei Punkten und einer Linie. Seit den 1980er-Jahren erweiterte er seine Praxis zunehmend in den Raum und verbindet in Wandmalereien,
„Gesso Pieces“ und „Sun Pieces“ Malerei, Architektur, Zeit und Licht. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit prägte Caramelle mehrere Generationen von Künstler:innen als Lehrer, unter anderem an der Städelschule in Frankfurt am Main, an der Universität für angewandte Kunst in Wien und an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, die er von 2012 bis 2018 als Rektor leitete. Sein Werk wurde international in zahlreichen institutionellen Ausstellungen präsentiert; 1992 nahm er an der documenta IX in Kassel teil.