Ernste Spiele III: Immersion
Harun Farocki
Ernste Spiele III: Immersion, 2009
Ein-Kanalversion der Zwei-Kanal Videoinstallation, Video, Farbe, Ton, 20 min, Regie, Buch: Harun Farocki, Recherche: Matthias Rajmann, Schnitt: Harun Farocki, Max Reimann, Kamera: Ingo Kratisch, Ton: Matthias Rajmann, Produktion: Harun Farocki Filmproduktion, Berlin, unterstützt durch Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH, Co-Produktion: Jeu de Paume, Paris; Stuk, Leuven
GF0031147.00.0-2010
Werktext
Harun Farocki zählte seit Ende der 1960er-Jahre zu den einflussreichsten Dokumentarfilmern und Medienkünstlern in Deutschland. Er war ein genauer Beobachter und Analytiker gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Sein besonderes Interesse galt den Prinzipien, nach denen eine Gesellschaft strukturelle Gewalt ausübt. In seinen Arbeiten thematisierte er die Auswirkungen totalitärer Überwachungs- und Kontrollsysteme, die von kapitalistischer Logik durchdrungene Lebens- und Arbeitswelt und das immer komplexer werdende Verhältnis von Mensch und Maschine. Dabei untersuchte Farocki stets auch die Rolle des Bildes innerhalb von Herrschaftsverhältnissen. Seine Arbeiten machen sichtbar, wie Bilder in Dienst genommen werden, sei es durch Überwachung, militärische Nutzung oder durch Fernsehen und Werbung. Ernste Spiele (2009/10) ist eine vierteilige Filmreihe, in der Farocki den Einsatz von virtueller Realität, insbesondere von Computerspieltechnologien, für die Ausbildung und therapeutische Behandlung von Soldat:innen dokumentierte. Der dritte Teil der Reihe, Immersion, analysiert in Form einer filmischen Montage in Doppelprojektion einen Workshop von Therapeut:innen für Therapeut:innen zum Softwareprogramm „Virtual Iraq“, das in der Traumabehandlung eingesetzt wurde. Der Workshop fand in Fort Lewis im US-Bundesstaat Washington statt. Die Verwendung der Software in der Therapie zielt darauf ab, Soldat:innen bei der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse zu unterstützen, indem sie diese unter psychologischer Begleitung in einer Simulation erneut durchleben. Zivile Therapeut:innen eines Privatunternehmens, die das Programm an die Armee verkaufen wollen, stellen im Rahmen des Workshops mit der Software einen fiktiven Hinterhalt nach und simulieren die emotionale Krise eines traumatisierten Soldaten. Farockis Fokus liegt nicht primär auf der Traumatherapie als solcher, sondern auf der Verkaufssituation. Die von ihm dokumentierte Situation, in welcher Trauma und Therapie mithilfe immersiver, computerspielbasierter Bilder simuliert werden, offenbart eine ambivalente Konstellation: Einerseits verspricht sie Heilung, andererseits ist sie nichts anderes als eine ökonomische Vermarktungsstrategie, in der Krieg und Therapie Geschäftsmodelle sind. (Jürgen Tabor)