Wie ich meine Fluchtwege organisiere

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© Sammlung Generali Foundation - Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg

Stephen Willats

Wie ich meine Fluchtwege organisiere, 1979-1980

Collage, 4 Tafeln Computerausdrucke, Fotografien, Gouache, Klebebuchstaben auf Karton einzeln gerahmt in Plexiglasboxen à 82,5 x 128 cm

GF0031100.00.0-2009

Werktext

Stephen Willats gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Konzeptkunst in Großbritannien. Entgegen den vorherrschenden Normen einer objektorientierten Kunstwelt entwickelte er bereits in den 1960er-Jahren partizipatorische Projekte und Gemeinschaftsarbeiten mit unterschiedlichen sozialen Gruppen, die zu Co-Autor:innen der entstehenden Werke wurden – eine Praxis, die ab den 1990er-Jahren verstärkt Einzug in die Kunst hielt.1 Ein besonderes Interesse des Künstlers galt der Lebenssituation der Bewohner:innen von modernistischen Hochhaussiedlungen und Stadtvierteln. Mit Interviews und Fragebögen und unter Nutzung sozialwissenschaftlicher Methoden befragte er die Bewohner:innen ganzer Wohngegenden zu ihrem Lebensumfeld. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen stellte er in Schautafeln in einer stilistisch spezifischen Kombination von Bildern, Texten und grafischen Verweiselementen dar. Dabei standen nicht wissenschaftlich abstrahierte Forschungsergebnisse im Vordergrund, sondern die Auseinandersetzung mit der Lebenssituation einzelner Menschen, die dadurch auch Erkenntnisse über sich selbst gewinnen konnten. Die Arbeit Wie ich meine Fluchtwege organisiere entstand Ende der 1970er-Jahre in Westberlin. Sie handelt von den Strategien einer alleinstehenden älteren Frau, mit dem Modernisierungsschub der Metropole und der Entfremdung in einer sich stark wandelnden, oft anonymen urbanen Umgebung umzugehen. In einem „düsteren, winzigen, noch nie veränderten Zimmer in der vierten Etage eines Hinterhauses“2 ist sie vollständig von Hochhäusern eingekreist. Ihr Widerstand gegen diese Situation besteht in der täglichen Flucht in einen Schrebergarten in einer Gartenkolonie. Der Garten wird zu ihrer „eigenen Insel“ – zu einer „Bastion, die die Vergangenheit bewahrt, sie schützend einschließt gegen das weitere Vordringen der fremden Wertestruktur des ‚neuen Berlin‘“3. (Jürgen Tabor) 1 Nicolaus Bourriaud prägte dafür den Begriff „Relational Aesthetics“. Der Begriff bezeichnet künstlerische Praktiken, denen gemeinsam ist, dass sie von sozialen Beziehungen und deren Kontexten ausgehen. Nicolas Bourriaud, Relational Aesthetics, Dijon: Les presses du réel, 1998. 2 Stephen Willats, „Wie ich meine Fluchtwege organisiere, 1979–1980“, in: Die Gabe. Eine Sammlung, Fünfte Lieferung, Hg. Olaf Nicolai, Leipzig: Edition 931, 1993, o. S. 3 Ebd.

Leihgeschichte
2009 Vaduz, LIE, Kunstmuseum Liechtenstein