© Sammlung Generali Foundation - Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg, © Bildrecht, Foto: Werner Kaligofsky

Hans Haacke

Und Ihr habt doch gesiegt, 1988

Zweiteilige Installation auf dem Platz am Eisernen Tor, Mariensäule, in Graz Plakatwand, mit 16 Plakaten, à 119 x 84 cm, Schwarz, weiß, rot, mit Collagen von Faksimiles von Ausschnitten aus Tageszeitungen und Dokumenten, Graz 1938, à 22 x 22 cm Gesamtdimensionen ca. 260 x 720 x 5 cm Rekonstruktion des Plakatträgers (mit Originalplakaten) Generali Foundation mit Hans Haacke, 2001 Dokumentation der Installation, 3 schwarz-weiß und 3 Farbfotografien, auf Aluminium kaschiert, Edition 1/3 Text von Hans Haacke 3 Zeitungshalter mit Presseberichten zum Projekt
Dokumentation Seit 1968 gibt es in Graz, der Hauptstadt der Steiermark, jedes Jahr ein unter dem Namen steirischer herbst bekanntes Kulturfestival mit Konzerten, Tanz, Opern- und Theateraufführungen, Filmveranstaltungen, Symposien, Dichterlesungen und Kunstausstellungen. Der Veranstaltungsträger ist eine eigenständige Institution, deren Intendant von einem Gremium ernannt wird, in dem Vertreter der Landes- und der Stadtregierung eine entscheidende Rolle spielen. Vorsitzender dieses Präsidiums war 1988 Professor Kurt Jungwirth, der als Landeshauptmannstellvertreter der Steiermark einer der prominenten Politiker der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP) war. Die Stadt Graz wurde durch ihren sozialdemokratischen Bürgermeister, Alfred Stingl, und den Kulturreferenten Stadtrat Helmut Strobl (ÖVP) vertreten. Der steirische herbst wird vom Bundesland, der Stadt Graz und der österreichischen Regierung finanziert. Dr. Peter Vujica, der Intendant des steirischen herbstes von 1988, wählte für das 20-jährige Jubiläum des Festivals das Motto ”Schuld und Unschuld der Kunst”. Er sprach die Hoffnung aus, dass auf den Anschluss Österreichs 1938 durch Hitler vor 50 Jahren Bezug genommen würde. Der Anschluss war auch das Thema zahlreicher anderer Veranstaltungen in Österreich. Es konnte dabei nicht ausbleiben, dass die Begeisterung beim Einmarsch der Truppen Hitlers in Österreich erneut in der Öffentlichkeit heftig diskutiert wurde. Die Debatte wurde außerdem durch den Streit um die Rolle angeheizt, die der vor kurzem gewählte österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim als Wehrmachtoffizier im Zweiten Weltkrieg auf dem Balkan gespielt hatte. Dr. Vujica beauftragte Dr. Werner Fenz von der städtischen Neuen Galerie, sich des Programms für die bildende Kunst anzunehmen. Dr. Fenz lud Künstler verschiedener Länder ein, im öffentlichen Raum für bestimmte Stellen in der Stadt temporäre Installationen zu entwickeln. Als Bezugspunkte 38/88 wählte er unter anderem Orte wie das ehemalige Gestapo- und das HJ-Hauptquartier, das Rathaus, das Bischöfliche Palais und diverse Massenaufmarschplätze, die unter den Nazis eine bedeutende Rolle gespielt hatten. Programmatisch erklärte Werner Fenz im Katalog: Bezugspunkte soll die Künstler herausfordern, sich mit Geschichte, Politik und Gesellschaft auseinander zu setzen und damit einen geistigen Raum wieder zu besetzen, der in einem permanenten – ebenso unreflektierten wie gesteuer-ten – Rückzugsgefecht der alltäglichen Gleichgültigkeit überlassen wurde.” Sechzehn Künstler aus acht Ländern nahmen schließlich die Einladung aus Graz an. Ohne die Kooperation der Stadt, der Landes- und der Bundesbehörden und auch der Katholischen Kirche wären die Installationsprojekte nicht realisierbar gewesen. Deren Bereitschaft, die Projekte zu unterstützen, ist umso bemerkenswerter, als voraussehbar war, dass sie in der einheimischen Bevölkerung alte Wunden öffnen würden. Nur die Österreichische Bundesbahn verweigerte ihre Zustimmung zur Benutzung des Grazer Bahnhofs. Am Südende der Herrengasse, der prominentesten Straße im Grazer Stadtzentrum, steht am Eisernen Tor, dem ehemaligen Bismarckplatz, eines der bekanntesten und volkstümlichsten Denkmäler der Stadt, die Mariensäule. Es ist eine auf einem Halbmond stehende vergoldete Statue der Madonna, die eine von einem massiven Sockel aufstrebende kannelierte Säule krönt. Das Denkmal war Ende des 17. Jahrhunderts im Andenken an den Sieg über die Türken errichtet worden. Als Hitler am 25. Juli 1938 Graz den Ehrentitel ”Stadt der Volkserhebung” verlieh, fand die Feier am Fuß der Mariensäule statt. Graz hatte sich diesen Titel als eine der ersten und wichtigsten Bastionen der Nazis in Österreich verdient. Schon Wochen vor dem Anschluss hing vom Balkon des Rathauses die Hakenkreuzfahne, 15.000 Nazis waren mit Fackeln durch die Herrengasse marschiert, und Fenster jüdischer Geschäfte waren zertrümmert worden. Für die Feier wurde die Mariensäule hinter einer riesigen, mit rotem Fahnenstoff drapierten Verschalung in der Form eines Obelisken verhüllt, auf dem das Nazi-Hoheitszeichen und die Inschrift Und Ihr habt doch gesiegt prangten. Dieser Anspruch auf den endgültigen Sieg hatte einen doppelten Bezug: Am 25. Juli 1934 war in Wien, vier Jahre zuvor, ein Naziputsch gescheitert, bei dem der austro-faschistische Kanzler Dr. Engelbert Dollfuß ermordet worden war. Und 15 Jahre zuvor war in München der erste Versuch der Nazis, die Macht zu übernehmen, blutig niedergeschlagen worden. Auf dem Obelisken thronte eine Feuerschale. Werner Fenz hatte den Platz der Mariensäule als einen der sechzehn Bezugspunkte bestimmt. Nach Fotos der Nazi-Siegessäule, die als Vorla-ge dienten, wurde der Zustand vom 25. Juli 1938 für den steirischen herbst 1988 rekonstruiert. Der einzige Unterschied zum Original war ein Zusatz am Fuß des Obelisken. In weißer Fraktur auf schwarzem Grund waren aufgelistet ”Die Besiegten in der Steiermark: 300 getötete Zigeu-ner, 2.500 getötete Juden, 8.000 getötete oder in der Haft verstorbene politische Gefangene, 9.000 im Krieg getötete Zivilisten, 12.000 Ver-misste, 27.900 getötete Soldaten.” Dem Obelisken gegenüber, dort wo 1938 den Naziwürdenträgern bei ihren Reden an die uniformierte Gefolgschaft eine Wand von Hakenkreuz-fahnen einen wirkungsvollen Bühnenhintergrund geboten hatte, wurde eine Plakatwand mit sechzehn Plakaten aufgestellt. Die sechzehn roten Plakate mit einem Hakenkreuz in der Mitte trugen in weißer Fraktur die Aufschrift ”Graz – Die Stadt der Volkserhebung”. Faksimilereproduktio-nen von zeitgenössischen Dokumenten aus dem Jahr 1938 klebten im Zentrum der Hakenkreuze. Unter anderem waren da Anzeigen aus Gra-zer Zeitungen collagiert, in denen verkündet wurde, dass bestimmte lokale Geschäfte ”arische” Eigentümer hätten oder vor kurzem ”arisiert” worden seien, und dass ”Nazi- Zubehör” im Sortiment zu finden sei. In anderen Inseraten suchten ”Arier” eine Anstellung oder einen Heirats-partner. Einer der Anzeigenkunden mit englischem Namen drohte, er würde jeden gerichtlich verfolgen, der Gerüchte verbreitete, er sei kein ”Arier”. Seiten des Vorlesungsverzeichnisses der Rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität mit den Vorlesungen zum neuen Rassenrecht und zur Germanischen Rechtsgeschichte und das Huldigungstelegramm des Rektors der Technischen Hochschule an Hitler waren ebenso wie das Gebet des Stadtpfarrers, mit dem er die neue Ära des Nationalsozialismus begrüßte, Teil der sechzehnteiligen Montage. Darüber hinaus präsentierte sie Anzeigen, in denen sich die Belegschaften lokaler Firmen für die Gratifikation bedankten, die sie zur Feier des Anschlusses erhalten hatten. Der triumphierende Bericht der Lokalzeitung über den Brand der Synagoge war ebenfalls nachzulesen: ”Für Graz ist damit durch den Volkswillen das Problem des provokatorischen Vorhandenseins eines Judentempels eindeutig gelöst”, hieß es da. Auf einem der Plakate klebte ein Faksimileauszug aus der amtlichen Liste der Kraftfahrzeuge, welche die Gestapo von Grazer Juden konfisziert hatte. Auf die Bitte, ein Statement zu meinem Projekt für den Katalog der Bezugspunkte 38/88 beizusteuern, schrieb ich: “Und Ihr habt doch gesiegt verkündeten die Nazis stolz am 25. Juli 1938 auf der mit rotem Stoff verhüllten und mit einem Hakenkreuzadler geschmückten Mariensäule in Graz. Sie meinten sich selber. 50 Jahre danach hoffe ich, es gelingt uns, dafür zu sorgen, dass ihr Jubel sich als voreilig erweisen wird.” Sobald der Obelisk mit den roten Stoffbahnen verkleidet und die Aufschrift mit dem Nazi-Adler zu sehen und damit klar war, was die Statue der Madonna verbarg, sammelten sich Passanten auf dem Platz und stritten darüber, ob nach 50 Jahren die Nazi-Vergangenheit noch einmal aufgerührt werden sollte. Bei manchen Wortführern war Antisemitismus unverkennbar. Viele Leute im Pensionsalter waren empört. Aber das lokale Fernsehen zeigte ebenfalls leidenschaftliche Befürworter der Idee, dass man sich mit der hässlichen Vergangenheit auseinander setzen müsse. Unter ihnen war auch eine alte Frau, die vor laufender Kamera bemerkte: ”Warum regen sich die Leute bloß so auf? Vielleicht fühlen sie sich im Stillen schuldig.” Die Reaktion von Menschen, die auf Grund ihres Alters nichts mit der Nazizeit zu tun gehabt haben konnten, war unterschiedlich. Sie reichte von Gegnerschaft über Gleichgültigkeit und Unverständnis bis zu begeisterter Zustimmung zum Projekt des steiri-schen herbstes. Der Bürgermeister von Graz und der Landeshauptmannstellvertreter wiesen in ihren Eröffnungsreden nachdrücklich auf die Notwendigkeit hin, besonders die Jugend über die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit aufzuklären. Sie unterstrichen, dass eine Kunstaus-stellung im öffentlichen Raum unausweichlich eine politische Bedeutung habe. Die Lokalpresse brachte ausführliche und in den meisten Fällen positive Berichte. Weder Kunsthändler noch überregionale Kritiker waren zur Eröffnung gekommen. Die sechzehn Plakate mit den Faksimiledokumenten von 1938 wurden wiederholt abgerissen und mussten mehrmals ersetzt werden. Aber sie fanden auch begierige Leser, darunter ab und zu sogar eine Schulklasse mit ihrem Lehrer. Auch andere Arbeiten der Ausstellung wurden beschädigt, allerdings wahrscheinlich eher aus Wut über eine Kunstauffassung, die den Zerstörern fremd war, oder einfach als Ulk, als dass politische Gründe dahinter steckten. Anlass zu besonders großer Empörung war eine Tonskulptur des Kaliforniers Bill Fontana, der von einem Turm auf dem Grazer Schlossberg aus mächtigen Lautsprechern Tonaufnahmen von Hamburger Nebelhörnern und Balzlaute exotischer Vögel auf die Stadt herunterhallen ließ. Sein Projekt fand ein vorzeitiges Ende. Vom Beginn der Ausstellung an wurde der Obelisk nachts bewacht. Etwa eine Woche vor dem Ausstellungsende wurde in der Nacht des 2. November von einer Seite, die der Wachmann nicht einsehen konnte, ein Brandanschlag auf das Mahnmal der steirischen Naziopfer verübt. Der Feuerwehr gelang es zwar, die Flammen bald zu löschen. Der obere Teil des Obelisken und ein beträchtliches Stück des Fahnentuchs ver-brannten jedoch. Die Madonna erlitt so schweren Schaden, dass sie ersetzt werden musste. Sowohl die Lokalpresse als auch die überregionalen Medien in Österreich und in der Bundesrepublik berichteten über den Brandanschlag. In einigen Kommentaren wurden Parallelen zu den wütenden Reaktionen gezogen, mit denen die Burgtheaterpremiere des Dramas Heldenplatz von Thomas Bernhard begrüßt worden war. Unmissverständlich verurteilten die Schlagzeilen den Brandanschlag und die dahinter vermutete politische Einstellung. Die Ruine des Mahnmals wurde zum ”Schandmal”. Nur das größte und konservativste Boulevardblatt Österreichs, die ”Neue Kronen Zeitung”, die zu den lautstärksten Befürwortern Kurt Waldheims gehörte, zog nicht mit. Der Grazer Redakteur der Zeitung be-nutzte den Anlass, die katholische Kirche wegen ihrer Zustimmung zur Verhüllung der Mariensäule zu rügen und die Politiker anzugreifen, die, wie er meinte, Steuergelder für einen ”schändlichen” Zweck vergeudet hatten. Für den dem Brandanschlag folgenden Samstagmittag rief der Grazer Künstler Richard Kriesche zu einer Schweige-Performance von 15 Minu-ten am Fuß der Ruine auf. Etwa 100 Künstler und Intellektuelle stellten sich ein. Anschließend diskutierten sie über die Bedeutung des Ereig-nisses mit den Leuten, die sich zum Samstagseinkauf in die Stadt begeben und nun um sie geschart hatten. Angeregt durch die ”Katholische Aktion”, linke politische Gruppen und die Studentenschaft demonstrierten zahlreiche Menschen noch Tage danach am Fuß des verbrannten Obelisken. Es wurden Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet. Kriesche und seine Freunde, der Bürgermeister von Graz und auch ein Teil der Lokalpresse schlugen vor, die Ruine bis Weihnachten als Mahnmal stehen zu lassen. Der Plan scheiterte am Widerstand der ÖVP und von Grazer Geschäftsleuten. Im Gedenken an die Reichskristallnacht ließ der steirische herbst die Wand der sechzehn Plakate mit einer großen Aufschrift überkleben: ”In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 wurden alle Synagogen in Österreich geplündert, zerstört und in Brand gesteckt. Und in der Nacht vom 2. auf 3. November 1988 wurde dieses Mahnmal durch eine Brandbombe zerstört.” Mit Hilfe eines Phantombildes des Brandstifters, das auf Grund der Beschreibung von zwei Zeugen gemacht worden war, die ihn aus der Ferne gesehen hatten, wurde der Täter aus der Menge heraus verhaftet, die während des Grazer Schweigemarsches zum Andenken an die Kristall-nacht die Straßen säumte. Es war ein 36-jähriger Arbeitsloser, der sich in Neonazikreisen bewegte. Der Anstifter des Anschlages, ein in der Gegend bekannter 67 Jahre alter Nazi, und ein Helfershelfer wurden kurz danach ebenfalls verhaftet. Sie wurden zu Haftstrafen von drei Jah-ren bzw. 18 und 12 Monaten verurteilt. Berichte aus Graz lassen vermuten, dass die Ereignisse um die Bezugspunkte 38/88 zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der politischen Kultur von Graz geführt haben. Dr. Stefan Karner, Dozent für Neueste Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Grazer Karl- Franzens-Universität und Autor eines Buches mit dem Titel Die Steiermark im Dritten Reich 1938-1945, schrieb über seine Beobachtungen: ”Ich darf Ihnen versichern, dass vor allem das beschädigte Kunstwerk viele, viele Grazer tief betroffen gemacht hat, und sie in einem Moment erkannt haben, wie wichtig auch die künstlerische Beschäftigung mit dieser Zeit zu sein scheint. Ich glaube, dass viele der anschließenden Reaktionen auch zu Mut und Optimismus Anlass geben können.” (Hans Haacke)
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