© Sammlung Generali Foundation - Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg, Foto: Werner Kaligofsky

Friedl Kubelka vom Gröller

Das zweite Jahresportrait, 1977-78

326 Schwarz-Weiß-Fotografien, á ca. 5,5 x 5,5 cm Vintage Prints, Barytpapier, kaschiert auf Leintuch, 200 x 140 cm, gerahmt in Acrylglasbox 151,2 x 206,2 x 9,1 cm
Fotografie als Vorwand Ich benütze die Kamera als Vorwand, um allein zu sein. Die Kamera ist mein vertrauter Begleiter. Ich benütze die Kamera, um nicht allein zu sein. Ich richte meine Kamera auf fremde Menschen. Damit zeige ich mein Interesse. Der Aufwand an Zeit und Filmmaterial lässt den anderen wissen, wie stark das Interesse ist. Der Fotografierte weiß nicht, ob er liebevoll oder böswillig, als dekorativer Statist oder als Individuum abgebildet wird. Um dies herauszufinden, belohnt er mich mit Gegeninteresse. Ich kann dann mit einer Erklärung das Gespräch weiterführen. Auch als Beobachter ohne Fotoapparat wird einem nach einigen Sekunden gezeigten Interesses einer dieser schnellen, prüfenden Blicke zuteil, ob Gefahr droht oder erotischer Kontakt entsteht. Wenn ich introvertiert, aber in Gesellschaft bin, benutze ich die Kamera als Maske. Sie stattet mich mit der Funktion eines dokumentierenden Menschen aus und enthebt mich aller kommunikativen Verpflichtungen. Wenn ich auffallen will, wird die Kamera, richtig gehandhabt, zum erhebenden Podest, zum schmückenden Symbol aktiver Lebensform. Erregt ein mir bekannter Mensch mein Interesse, bitte ich ihn, mir Modell zu sein und mich an einem bestimmten Ort zu treffen. Die künstlerische Komponente der Fotografie lässt solche Begegnungen zu, Zusammenkünfte, bei denen die Person mit der Kamera dominiert. Fotografiere ich einen Menschen, zu dem ich Kontakt scheue, benutze ich die Kamera als abweisende Mauer. Leider erweist sie sich auch als schmerzliche Trennwand, sobald ich einen mir nahe stehenden Menschen fotografiere. Das Wesen des Abschießens bleibt dem Fotografieren auch bei liebevoller Anwendung erhalten. Dieses zerstörerische Element beruht vielleicht in dem fotografischem Bestreben, innerhalb einer 1/100 oder 1/1000 Sekunde Gültiges über einen Menschen auszusagen. Wenn das Leben mich langweilt, begebe ich mich in abenteuerliche Situationen, zu denen die Kamera mir Zutritt verschafft. Ich benutze die Kamera als Eintrittskarte in das Privatleben anderer Menschen. Wenn das Leben mich zu sehr aufregt, fotografiere ich, was mich verstört. Durch diese notwendige technische Geschäftigkeit kann ich mich mit Menschen und Dingen auseinander setzen, deren Kontakt mir ohne Kamera unmöglich wäre. Auf Plätzen wie Damenumkleidekabinen, Nervenheilanstalten, Unterweltcafés wird man durch Handhabung seiner Kamera zum Störer, Verräter. An einem Touristen hängend, ist die Kamera ein verharmlosendes Detail. Sie ist Statussymbol und Schmuck, manchmal Notizbuch. Man kann mit Hilfe der Kamera Mädchen dazu bringen, sich bei Sonnenaufgang nackt in sumpfiger Landschaft auf einen Stein zu stellen, oder Männer Kunststücke wiederholen lassen. Menschengruppen aller Bevölkerungsschichten posieren vor dem, der seine Kamera hält. Doch jeder empfindsame Mensch wird spüren, dass seine Kamera ihm gegenüber dem fließenden Leben seinen Platz anweist, ihm nicht gestattet mitzuschwingen. Die unheimliche Ausstrahlung und Wirkung meines kleinen schwarzen Apparates faszinierte mich schon mit sechzehn Jahren. Ich bediente mich ihrer unbewusst, in erste Linie bemüht, meine trostlose Existenz als kaufmännischer Lehrling erträglich zu machen. So viel über die psychologischen Kräfte der Kamera als Gegenstand. Nun lege ich einen Film in die Kamera, vergrößere die Aufnahmen und nutze das Medium Fotografie. Ich erzeuge ein Produkt und habe einen Platz in der Gesellschaft. Ich verkaufe Fotografien und lebe von ihrem Wert. Ich zeige Fotografien und mit ihnen meine Persönlichkeit und mein Können. Das Zeigen ist eine erotische Aktivität. Es ist ähnlich freud- und leidvoll wie die Liebe. Es gilt, die erotische Anziehungskraft auf einen großen Kreis von Menschen auszudehnen und vom eigenen, alternden, todgeweihten Körper zu trennen. Die Aussicht, Fotografien zu zeigen, ist mir eine starke Antriebskraft auf dem mühevollen Weg, Arbeiten fertig zu stellen. Sie gibt mir wieder Gelegenheit, Kontakt mit Menschen aufzunehmen, die mich interessieren. Ich habe beobachtet und bin überzeugt, dass alle fotografierenden Menschen sich eines oder mehrerer der hier aufgezählten Vorwände bedienen. Die therapeutischen Möglichkeiten der Fotografie erkannte ich 1972-73, als ich mit Hilfe von Hunderten von Selbstportraits mein eingeengtes, narzisstisches Weltbild sprengte. Ich begann mich äußerst widerwillig mit Selbstportraits zu beschäftigen, mit denen ich mich nicht identifizieren wollte, weil sie von mir verachtete Charaktereigenschaften sichtbar machten. Der Plan und seine Ausführung, mich jeden Tag zu fotografieren, befreite mich von schöpferischen Hemmungen, schützte mich vor amorph vergehender Zeit und beruhigte mich, wie sonst nur eine tägliche Übung es vermag. An die Wand heftete ich lebensgroße Portraits von Konfliktpersonen. Wie Jugendliche Abbilder ihrer Idole in ihrem Zimmer aufhängen, mit ihnen leben, unbewusst hoffend, dass die verehrten Eigenschaften der Helden auf ihre eigene, noch formbare Persönlichkeit Einfluss nähmen, hoffte ich, dass die Portraits der von mir mit Aggression bedachten Menschen durch ihre passive, aber fortwährende Anwesenheit mir gestatten würden, mich in Ruhe mit ihnen auseinander zu setzen. Auge in Auge mit der verhassten oder geliebten Person konnte ich mir Gefühle zugestehen, die während ihrer leiblichen Anwesenheit blockiert waren. Eine Methode, andere Menschen zu erforschen, ergibt sich aus der Beobachtung kommerzieller Portraitkunden. Lege ich ihnen Kontaktbögen vor, um mit ihnen die im herkömmlichen Sinn besten Portraits auszusuchen, beginnen manche, eine Aufnahme nach der andern zu besprechen und in unterschiedlicher Offenheit und Ehrlichkeit ihre Selbsteinschätzung zu verbalisieren. Dies geschieht unbewusst, gefördert durch den 150-jährigen Glauben der Menschheit an die Fotografie als naturgetreue Abbildnerin. Sie erkennen sich entrüstet/erschrocken auf manchen Bildern als alt, unsicher, ängstlich, verbissen, depressiv. Manche projizieren Eigenschaften in das Portrait, die nicht enthalten sind. Wenn ich dieselbe Person im Verlauf mehrerer Jahre einige Male portraitiert hatte, konnte ich aus den Kontaktbögen meist einen psychischen Prozess ersehen. Körperhaltung, Kleidung und Gesichtsausdruck sind vergleichbar, analysierbar und bieten eine fruchtbare Basis für Gespräche. Natürlich müssen zwischen den fotografischen Sitzungen nicht Jahre liegen. Die Aufnahmen sind in regelmäßigen, wöchentlichen oder monatlichen Abständen besser auszuwerten. Das Produkt der jahrelangen fotografischen Beobachtung wäre demnach eine Mappe mit Kontaktbögen, von denen die Veränderung des Menschen ablesbar und nachvollziehbar ist. (Wird die Fotografie von der Psychotherapie genügend genützt?) Für mich bedeutet diese Methode einen Vorwand, fotografische Portraits zu machen, deren Ergebnisse nicht aus einer sekundenschnellen Entscheidung bestehen. (Friedl Kubelka)
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