On or off earth

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© Sammlung Generali Foundation - Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg, Foto: Werner Kaligofsky

Florian Pumhösl

On or off earth, 1996

"Design for the Real World and the Rhetorics of Alternative Movement" Adaption of creative and thematic concepts by Victor Papanek

Installation, 8 Teile Gesamtdimensionen variabel

GF0003365.00.0-2003

Werktext

On or off earth, 1996 Der Designbegriff am Ende der sechziger Jahre: Der anhaltende Bedarf nach immer neuen Formen und Konnotationen von Industrieprodukten und ein Designbetrieb, der seine Spielregeln weitreichend etabliert zu haben schien, stattete seine Protagonisten mit einem bemerkenswert weitläufigen Selbstverständnis aus. Der „human engineer“, wie Henry Dreyfuß eine Funktion des Industriedesigners definiert hat, fühlte sich verantwortlich für das technische, ästhetische und erzieherische Funktionieren der modernen Lebenswelt mit ihrem unerschütterlichen Glauben an die Verbesserbarkeit der Objekte. Design sollte aber auch innerhalb sich ändernder gesellschaftlicher Paradigmen und Experimente eine zentrale Rolle spielen: Im Rahmen einer sich formierenden Ökologiebewegung und einer damit verbundenen „Kapitalismuskritik“, wie man sie etwa in Schuhmachers Bestseller „Small is Beautiful“ formuliert findet, wurde dieses Konzept ungebrochen etabliert. Gert Selle hat in seinem 1971 erschienenen Buch „Ideologie und Utopie des Design“ nicht nur die romantische Legende von der stringenten Selbstverwirklichung der Moderne im Design seit Morris dominierend behandelt, sondern auch grundlegende Fragen nach realistischen Grundlagen, die den Berufsstand zum Eingriff in kapitalistische Produktionsverhältnisse befähigten, gestellt. Ein Jahr zuvor war Viktor Papaneks Buch „Design for the Real World“ erstmals in Schweden erschienen; eine universalistische, polemische und idealistische Kritik am zeitgenössischen Design und seinem entscheidenden Anteil an gesellschaftlichen Missverhältnissen. Anders als Gert Selle oder Tomàs Maldonado (der etwa die Ökologiediskussion als Modeerscheinung der Massenmedien kritisierte) ging Papanek von einem universelleren, pragmatischeren Handlungsraum für Design aus, der von Problemlösungen für Alltagsgegenstände über „nomadische“ Wohn- und Lebensformen bis zur Lösung essentieller Aufgaben in der Dritten Welt reichen sollte. Das so skizzierte Arbeitsfeld ist in manchen Punkten eine Korrektur des bereits 1951 erschienen Buches „Designing for People“ von Henry Dreyfuß – mit einer ähnlichen Vorstellung vom Aktionsradius des Designers bei der Konzeption von Produktions- und Planungsprozessen, aber einer wesentlich weiter reichenden sozialen Verantwortung: Nicht zuletzt die ideologische Nähe Papaneks zu Figuren wie Buckminster Fuller und Marshal McLuhan war entscheidend für ein „globales“ Problembewusstsein: Die Verantwortung für das spaceship earth (hier liferaft earth) und die Beschäftigung mit seinen essentiellsten Strukturen und Bedürfnissen war das Anliegen. Im Rahmen einer auf breiter Basis geführten Debatte um ökologische und soziale Probleme wurden diese meist als Symptome von Industriegesellschaften im Allgemeinen, und nicht als Folge ihrer politischen Systeme analysiert. Aus den ideologischen Szenarios des Kalten Krieges resultiert die Vorgangsweise, politische Praxis mit „globalen“ Konzepten und der Subjektivierung sozialer Verantwortung zu umgehen. In diesem Zusammenhang haben sich einige der Bausteine und ideologischen Grundmuster entwickelt, die heute in unseren Klischeevorstellungen, etwa von Öko- und Dritte Welt-Produktionen oder industriellen Bemühungen nach einem sauberen, menschlichen Image, als ideologische Partikel eines Kapitalismus mit menschlichem Antlitz herumgeistern. „Small is Beautiful, Do it Yourself, Think Global – Act Local, Recycling, Sustainable“, sind nur einige der Formeln, die, in den sechziger und siebziger Jahren geprägt, bis heute jenes Vokabular des „Alternativen“ ausmachen, das als ideologischer Hintergrund etwa der Grün-Bewegungen oder „fortschrittlicher“ Managementideologien präsent ist. Eine Ausstellung über einen „Klassiker“, „Design for the Real World“? Es scheint angebracht, die Entwürfe und Vorstellungen auf ihre Gültigkeit und ihre praktische Realisierbarkeit zu prüfen – die Designtheorie und -praxis hat sie in den vergangenen 26 Jahren bereits mehr oder weniger ausführlich auf die Probe gestellt: Viele der Entwürfe für Behinderte aus diesem Zeitraum, medizinische Geräte oder modulare Möbel waren wichtige Vorläufer heutiger Industriestandards, andere wanderten als „Utopien“ in die Archive. Ebenso wenig soll hier ein Update einer Theorie über soziales Design Einzug halten. Es geht vielmehr um den Modellcharakter des Papanek-Konzeptes und seiner Parallelszenarios. On or off earth wählt Entwürfe aus seinem Umfeld aus und versucht, über Texte und assoziiertes Material einige seiner Begleitmotive, quasi die verloren gegangene Packaging List, zu rekonstruieren. (Friedl Kubelka)

Leihgeschichte
2005 München, DE, Haus der Kunst 2005 Rotterdam, NL, Witte de With 2.OG 2005 Zagreb, CRO, Galerija Klovicevi Dvori