Bruno Gironcoli

Biografie

Bruno Gironcoli wurde 1936 in Villach, Kärnten, Österreich, geboren, wo er neben Innsbruck und Frankfurt am Main aufwuchs. Nach einer Gold-, Silber- und Kupferschmiedelehre in Innsbruck 1951 bis 1956 studierte er von 1957 bis 1963 an der Hochschule für angewandte Kunst, Wien. 1977 übernahm er als Nachfolger von Fritz Wotruba die Professur an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Bruno Gironcoli erhielt 1989 den Skulpturenpreis der Generali Foundation, 1995 den großen Österreichischen Staatspreis und 1997 das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst. Nach langer Krankheit verstarb er 2010 in Wien.

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In ersten fragilen Drahtobjekten aus den frühen 1960er Jahren widmete er sich der Darstellung des Menschen im dreidimensionalen Raum. Eine grundlegende Revision des Formwillens führte bald zur Bevorzugung von Polyester als Werkstoff. In seiner ersten Einzelausstellung 1968 in der Galerie nächst St. Stephan, Wien, zeigte er Skulpturen im Grenzbereich zu Design. Ein mit Kupferfarbe geschöntes "Polyesterobjekt" (1966) erinnert an einen Kinderwagen, die Funktion wird in hermetischer Geschlossenheit verweigert. Während dieses Objekt auf drei Beinen steht, sodass es Unebenheiten nicht aus dem Gleichgewicht bringen können, ist eine andere "Figur auf einem Punkt stehend" (1965) konstruiert und deswegen ständig im Ungleichgewicht. 1968 nahm Gironcoli in der Galerie nächst St. Stephan u. a. mit Hans Hollein und Walter Pichler an der Ausstellung "Super-Design" teil. Gironcoli entwickelte als einer der wenigen KünstlerInnen dieser Zeit in Österreich ein Werk, dass sich grundsätzlich von der dominierenden Wotruba-Schule abhob. Er orientierte sich an internationalen Positionen und erweiterte sein Werk vom antropomorphen Einzelobjekt zur Installation. "Objekt, Teilstück eines Innenraumes" (1967) ist eine frühe Manifestation dieser Tendenz, in der Gironcolis singuläre Position in der österreichischen Bildhauertradition deutlich wird. "Schuhe" (1970-71), eine seiner zentralen Installationen über den Fetischcharakter von persönlichen Gegenständen und Handlungen wurde auf der Biennale in São Paulo und 1971 in der Galerie nächst St. Stephan ausgestellt. 1977 war seine erste große Einzelausstellung im Museum des 20. Jahrhunderts in Wien und in der Folge im Kunstverein Frankfurt und im Lenbachhaus in München zu sehen. Die glänzenden Oberflächen seiner Gebilde und Papierarbeiten in Metallfarbe spiegeln die Faszination für Edelmetalle wider. Für die seine Arbeit dominierenden Themen Sexualität, Fruchtbarkeit und Gewalt entwickelte Gironcoli eine sehr persönliche Formensprache. Sexualität drückt sich als Repression und Perversion in masochistischer und sadistischer Ausformung wie auch als Sublimation in kleinbürgerlichen Ersatzhandlungen aus. In einigen Werken wird elektrische Funktionalität angedeutet. Eine Serie von experimentellen Siebdrucken aus den 1970er Jahren lässt Einblicke in diese künstlerische Gedankenwelt zu. Gironcoli war einer der ersten Künstler der Nachkriegszeit in Österreich, die mit der Symbolik des Hakenkreuzes die Zeit des Faschismus thematisierten. Die Übernahme der Bildhauerklasse Ende der 1970er Jahre übte großen Einfluss auf die weitere künstlerische Entwicklung Gironcolis aus. In seinen neuen, großen Atelierräumen schuf er seit den achtziger Jahren monumentale, barock anmutende Skulpturen, die der Thematik Vater-Mutter-Kind verhaftet sind. Biomorphe und anthropomorphe Formen sowie stark symbolisch angelegte und von Alltagsgegenständen abgeleitete Motive definieren seine "Figuren". Diese sind als Modelle für Metallguss konzipiert, der aus Geldmangel durch einen Metallanstrich simuliert wird. 1990 folgte eine zweite Ausstellung im Museum des 20. Jahrhunderts, Wien, 1997, und 1998 zwei weitere im Museum für angewandte Kunst, Wien. 2003 repräsentierte Bruno Gironcoli Österreich auf der 50. Biennale di Venezia. Die Generali Foundation versammelt die wichtigsten Werke der 1960er und 1970er Jahre dieses für die Folgegeneration wie Franz West extrem einflussreichen Künstlers und Lehrers. Seine "Große Säule mit eingesetzten Augenprothesen" (1967-69), die mit einer telefonischen Zeitansage auch Sound als Medium integriert, steht programmatisch am Beginn eines Sammlungskonzeptes, das sich von der klassischen Skulptur hin zu einem erweiterten Begriff in Verbindung mit neuen Medien entwickelt hat. (Sabine Breitwieser/Doris Leutgeb)