Ein Buch über das Sammeln und Ausstellen von konzeptueller Kunst nach der Konzeptkunst

Foto: Dario Punales

„Do not ask how you can make sense of the collection, ask how the collection is making sense of you.“ Wenn ich einen der „Slogans“ aus Helmut Draxlers Ausstellung The Content of Form entlehne, hat dies naheliegende Gründe. Eine sammelnde Institution bewegt sich ständig innerhalb des Feldes einer bereits existierenden Sammlung, die, wie Draxler feststellt, eine spezifische symbolische Form darstellt, nicht bloß eine Ansammlung von (besonders in diesem Fall sehr spezifischen) Artefakten. Insofern definiert deren Anlage immer schon den Ausgangspunkt für eine Sammeltätigkeit. Die Institution, von der hier die Rede ist, die Generali Foundation, hat über dies ihre Sammeltätigkeit entlang einer wiederum sehr spezifischen Ausstellungs- und Publikationstätigkeit entwickelt, in ständiger Wechselwirkung und Bezogenheit aufeinander. Gerade deshalb, und den Blick auf eine historische Entwicklung richtend, der gerade eine Institution auf den Prüfstand stellt, die sich exponiert und dezidiert kritischen Methoden und Diskursen in der Kunst widmet, stellt sich dennoch auch die affirmativ gewendete Frage „how can you make sense of the collection?“. Die Re-Vision(ierung) der eigenen Sammeltätigkeit, das Verhandeln mit den historischen und zeitgenössischen Momenten findet kontinuierlich statt, in einem impliziten Dialog mit der Öffentlichkeit, einem expliziten, diskursiven und ganz profanen mit einem künstlerischen Beirat und intrinsisch motiviert in der Ausrichtung und Neigung einer die Institution leitenden Person.

 

In den Reflexionen und Überlegungen anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Generali Foundation sind wir von wichtigen Kritiker_innen und Theoretiker_innen begleitet und unterstützt worden, deren Ansichten und Auffassungen über das Sammeln, Kuratieren und Ausstellen sowie über die Facetten der Tendenzen zur Kanonisierung einer Sammlung in diesem Band vereint sind. Ausgangspunkt für diese Publikation war es, gewissermaßen Bilanz zu ziehen und den eigenen (Stand-)Ort aus der historischen Perspektive zu überdenken oder auch den aktuellen Handlungshorizont als historisch logisch, kohärent und zeitgemäß kritisch zu beleuchten, aber auch dessen Konsequenz und Berechtigung zu belegen. Den Anlass gaben drei Ausstellungen, die die Sammlung und das Kuratieren von Konzeptkunst generell unter die Lupe nehmen sollten: Die eingeladenen Kurator_innen waren Guillaume Désanges, Helmut Draxler und Getrud Sandqvist. Aus diesen äußerst unterschiedlichen Perspektiven haben sich dann auch die meisten der in diesem Buch und in den Begleitveranstaltungen versammelten Ansätze entwickelt.

 

Die Ergebnisse dieser Überlegungen sind höchst aufschlussreich. Da viele derselben zwangsläufig besonders auf die lange, von Sabine Breitwieser geprägte Ära von 1988 bis 2007 rekurrieren, und auf deren besondere Art und Weise, Sammlungs- und Institutionsgeschichte zu schreiben, habe ich in einem gesonderten Text zu den Motivationen und Sichtweisen Stellung bezogen, die den Überlegungen meiner Tätigkeit zugrunde liegen, welche eben dieser einprägsamen Ära nachfolgt, einer Ära, die die Gunst eines historisch besonders „fruchtbaren Moments“ nutzen konnte, was die gesellschafts- und kulturpolitische Energie betraf, zweifellos eine Zeit des Aufbruchs und des Glaubens daran, dass durch künstlerische kritische Arbeit immer noch etwas zu bewegen wäre. Dieses Movens ist nicht verloren, wenn es auch durch die ernüchternde Einsicht relativiert wurde, dass selbst Kritik markttauglich geworden ist und es insofern schwierig ist, Methoden und Handlungsweisen zu entwickeln, die diesem Dilemma zwischen Autonomie und Kritik begegnen könnten. Institutionskritik und Kritikalität sind gewissermaßen zur Selbstverständlichkeit geworden. Sie sind nicht nur in Off-Spaces, sondern auch in arrivierten Museen anzutreffen, das heißt, Institutionskritik wird musealisiert und zum historischen Phänomen, was auch der Grund für ihre relative Wirkungslosigkeit ist. Was also tun, wenn die ureigene Mission von der Geschichte eingeholt wird? Welche Perspektiven entwickeln? Wie den kritischen Impuls bewahren, wenn Kritikalität in den Mainstream Eingang gefunden hat? Wie wäre sie zu definieren, um nicht zur Karikatur ihrer selbst zu werden? Das sind nur einige der Fragen, denen in dieser Publikation zum Jubiläum nachgegangen wird.

 

Sabine Folie, Direktorin

(Aus der Einleitung zu Ein Buch über das Sammeln und Ausstellen von konzeptueller Kunst nach der Konzeptkunst)

 

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